Die große Geste des kleinen Mannes

Der Kölner David Floyd mag es, in großen Gefühlen aufzugehen. Tummelt er sich bei YouTube, schaut er sich lieber Charlie Chaplins mit Musik unterlegte Rede zum Weltfrieden an als Fail-Compilations. Müsste er sich entscheiden, schaute er lieber Das Leben ist schön als Iron Man. Wenn er Musik hört, dann will er sich berühren statt nur berieseln lassen. Wenn es dabei pathetisch wird, dann sieht er das eher als ein Qualitätsmerkmal an denn als ein Ausschlusskriterium.

Ja, David Floyd ist Rapper, aber klassisches HipHop-Feeling und Rapper-Gehabe sucht man bei ihm vergebens. Seine Musik öffnet - frei nach Fontane - ein weites Feld. Die textliche Seite ist in seiner Bildhaftigkeit bewusst überzeichnet und sprachlich somit unkonkret ungehalten. Denn Davids Ziel war es und ist es, extreme Gefühle darzustellen, ohne jedoch allzu klare Vorgaben zu machen. Wie er auf einem Song sagt, füllt er die „Leinwand mit abstrakten Skizzen, während Wissenschaftler über Fakten sitzen.“ Das Eindeutige und das Zweifelsfreie sind nicht Davids Anspruch. Die Hörer sollen in seinen Texten ihre eigenen Geschichten lesen.

Deshalb heißt das Album „Mandala“. Fernab der religiösen Bedeutung von Mandalas, kennt David diese noch aus seiner Kindheit, als Formen, die es selbst mit Farben zu füllen galt. Mit seinen Texten gibt er nun ebenfalls eine Form vor, die die Hörer jedoch wie ein Mandala noch selbst ausmalen müssen.

Auf der musikalischen Seite findet sich dann der genaue Gegenpol zu dieser Kopflastigkeit. Die modernen elektronischen Beats, die sich am Future-Bass anlehnen, bestechen durch Eingängigkeit und Melodiösität, und auch durch Pop-Appeal. Die Texte, denen man Zeit widmen muss, unterfüttert David mit kraftvoller Leichtigkeit. Damit erleichtert er wiederum den Zugang zu seiner ansonsten nachdenklichen Welt.

Diese Welt beschäftigt sich mit dem Drängen und Scheitern im Angesicht der unendlichen Möglichkeiten, die wir heute haben. In Davids Alltagsbetrachtungen und Weltbeschreibungen wird deutlich, wie hin- und hergerissen man sich heute fühlen kann. Einerseits ist da die Euphorie für den Fortschritt, die Technik, das unendliche Wissen und die Lebensqualität, die im Song „Lichtschimmer“ zum Ausdruck kommt, wenn David das Vorandrängen seiner Generation, die Lust auf die Erkundung des Lebens, auf den Punkt bringt mit dem Satz: „Kein Panik, auch wenn der Fallschirm klemmt.“ Der Optimismus, dass das vermaledeite Ding vor dem Aufprall schon aufgehen wird, ist absolut überzeugend.

Andererseits sind da die Ängste vor der Wahl der falschen aller Möglichkeiten, die Machtlosigkeit gegenüber den mittlerweile viel besser zu erkennenden Ungerechtigkeiten in der Welt und die Angst vor dem fehlenden Wissen über das, was wirklich richtig und falsch ist. Klar sind das Erste-Welt-Probleme, aber es bleiben eben Probleme, und zwar Probleme von vielen. Und David nagelt das Gefühl auf einem Schild an die Wand, wenn er sagt „Ich habe ein hungriges Herz, hab mein Herz so lange unterernährt.“

Ein Blick in Davids Kindheit zeigt, wie er zu diesem introspektiven und analytischen und gleichzeitig hochsensiblen Menschen und Musiker werden konnte. Davids Mutter war Buchhändlerin in der badischen Provinz, weshalb David viele Bücher gelesen hat und weshalb die Lyrik ihm so wichtig ist. So weit, so schön. Sein Vater jedoch war Alkoholiker. Als Heranwachsender gibt es da zwei Möglichkeiten, entweder macht man es dem Altvorderen nach, oder man wird das Gegenteil.

David hat nie wirklich getrunken, er geht nicht gerne auf Partys. Das ist eine bewusste Entscheidung, sich anders zu verhalten. Und er ist selbst bereits Vater einer neunjährigen Tochter. Auch sie ist der Grund, warum der Mittzwanziger nicht das gleiche Leben anderer Twens führt, sondern weshalb er sich auf die wesentlichen Dinge fokussiert. Seine Kindheit und Jugend hat ihn also zu einem nachdenklichen Menschen werden lassen, der, wie er es selbst beschreibt, die Leichtigkeit in seinem Leben erst noch finden muss.

David wohnt mittlerweile schon ein paar Jahre in Köln-Ehrenfeld und hat die große Welt im kleinen Viertel vor der Haustür. Doch David nimmt dessen oberflächliche Ablenkungen und die unzähligen Angebote des scheinbaren Glücks mit voller Absicht nur selten wahr. Er studiert dieses urbane, belebende Flair aus der Ferne und fühlt sich wohl damit. Der Nebeneffekt: wenn man in der Großstadt lebt und sich dem Großstadt-Leben auf diese Weise entsagt, dann fühlt man sich automatisch ein wenig anders als die anderen. Wenn man dann noch der Kunst den Großteil seines Lebens unterordnet, dann lässt einen das endgültig irgendwie zum Sonderling werden. Dazu kommt, dass David Floyd vom Aussehen her immer als ein fröhlicher, blondgelockter Mittelstand-Bubi eingeschätzt wird. Doch er ist das Gegenteil.

Wenn David Floyd sich also als „Anders als die meisten“ bezeichnet, dann stimmt das natürlich auf eine Art, aber, wenn man ehrlich ist, ist es auch ein wenig Koketterie. Denn in seinem musikalischen Mandala können die Hörer sich wiederfinden. David Floyd erzählt nämlich nicht nur seine eigene Geschichte, sondern auch die der vielen anderen kleinen Männer und Frauen da draußen. Wenn er singt, „wir sind leider nur aus Porzellan“, dann beschreibt er damit, die nur scheinbar harte Schale von jedem von uns, die vielleicht sogar schick aussieht, die aber doch höchst zerbrechlich ist in einer Welt, die uns alles bietet, aber eben auch alles abverlangt.

Trotz acht am Album beteiligten Produzenten klingt „Mandala“ sehr homogen. Das Soundbild ist das Ergebnis eines sehr aufwändigen Auswahlprozesses, einer anstrengenden Suche. Denn fast keiner hatte die passenden Sounds im Repertoire. Im Prinzip wurde alles neu entworfen. Für die musikalische Untermalung zeichneten sich letztlich gestandene Produzenten wie die Beatgees, Abaz, 7inch, Rooq, die Stereoids, Hitimpulse und nicht zuletzt David selbst verantwortlich. Bei dem Track Lichtschimmer singt Simon Den Hartog den Chorus, bekannt als Frontmann der Band Kilians.

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